Wundheilungsstörungen bei Diabetes 

Versorgung des Diabetischen Fußsyndroms und Wundbehandlung bei Diabetes

Das diabetische Fußsyndrom (DFS) ist eine der häufigsten und folgenschwersten Komplikationen des Diabetes mellitus. Je nach Studie sind im Laufe ihres Lebens 19–34 % aller Menschen mit Diabetes betroffen. In Deutschland leben bis zu 800.000 Menschen mit einem diabetischen Fußsyndrom, jährlich kommen rund 250.000 Neuerkrankungen hinzu. Schätzungen zufolge haben derzeit etwa 250.000 Diabetiker*innen eine aktive Fußwunde. Das DFS ist eine komplexe Erkrankung, die nur durch eine eng abgestimmte, interdisziplinäre Behandlung erfolgreich therapiert werden kann.

Wie entsteht das diabetische Fußsyndrom?

Ursache des diabetischen Fußes sind meist eine sogenannte Diabetische Polyneuropathie (Nervenschädigung) oder eine Duchblutungsstörung (pAVK). Oft treten beide Komponenten gemeinsam auf.

Ausprägungen des diabetischen Fußes

Der neuropathische Fuß (40–60 % der Fälle)


Durch die Schädigung der Nerven verliert der Fuß zunehmend sein Schmerz- und Temperaturempfinden. Der Verlust dieser Schutzfunktion wird als „Loss of Protective Sensation“ (LOPS) bezeichnet. Ein weiterer Begriff ist der sogenannte „Leibesinselschwund“ – das Gefühl, den eigenen Fuß nicht mehr richtig wahrzunehmen.

Typische Merkmale:

  • rosige, warme, aber sehr trockene Haut
  • Gefühlsverlust bis Taubheit
  • kribbelndes oder brennendes Gefühl
  • „Ich laufe wie auf Watte“
  • nächtliche Schmerzen mit Besserung durch Umhergehen
  • vermehrte Hornhautbildung
    Nagelpilz
  • verminderte Wahrnehmung von Vibration, Temperatur und Schmerz

Da Warnschmerzen fehlen, entstehen Druckstellen oder kleine Verletzungen häufig unbemerkt – etwa durch:

  • ungeeignete Schuhe
  • Fußfehlstellungen
  • Fremdkörper im Schuh
  • unsachgemäße Fußpflege
  • Bagatellverletzungen

Wunden werden oft erst bemerkt, wenn bereits Gewebeverlust sichtbar ist.

Der durchblutungsgestörte Fuß (ca. 15 % der Fälle)

Liegt zusätzlich eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) vor, verschlechtert sich die Durchblutung deutlich.

Typische Zeichen:

  • kalte Füße
  • stark verdickte Nägel
  • dünne, pergamentartige, bläulich-blasse Haut
  • rötliche, nicht wegdrückbare Druckstellen
  • Wadenschmerzen beim Gehen (Claudicatio intermittens)

Mischformen sind häufig

In vielen Fällen besteht eine Kombination aus Nervenschädigung und Durchblutungsstörung. Dadurch steigt das Risiko für schlecht heilende Wunden erheblich.

Gefahren des diabetischen Fußsyndroms

Die größte Gefahr besteht darin, dass sich offene Wunden infizieren. Aufgrund der fehlenden Schmerzempfindung werden Entzündungen häufig zu spät erkannt. Im schlimmsten Fall kann sich eine schwere Infektion (Sepsis) entwickeln, die nur noch durch eine Amputation kontrolliert werden kann. Früherkennung und engmaschige Kontrolle sind daher entscheidend.

Moderne Therapie des diabetischen Fußsyndroms

Das diabetische Fußsyndrom ist nicht heilbar. Ziel der Therapie ist es:

  • die Durchblutung zu verbessern
  • Wunden zur Abheilung zu bringen
  • das betroffene Areal zu entlasten (durch Orthese)
  • Infektionen zu vermeiden
  • Amputationen zu verhindern
  • die Mobilität langfristig zu erhalten

Gefäßmedizinische Therapie

Bei nachgewiesener Durchblutungsstörung kommen folgende Verfahren zum Einsatz:

  • minimalinvasive Gefäßrekanalisationen (Wiedereröffnung verschlossener oder stark verengter Blutgefäße über kleine Zugänge)
  • Ballon- und Stentverfahren (Aufdehnung verengter Gefäße bzw. inneres „Säubern“ des Gefäßes mit einem Ballonkatheter und Stabilisierung durch ein feines Metallgitterröhrchen)
  • Venenbypässe (Umleitung des Blutflusses über eine körpereigene Vene zur Überbrückung eines Gefäßverschlusses)
  • in ausgewählten Fällen: minimalinvasive Arterialisierung einer tiefen Unterschenkelvene zur Verzögerung einer Amputation (Umleitung von arteriellem Blut in eine Vene des Unterschenkels, um die Durchblutung zu verbessern und eine Amputation möglichst hinauszuzögern) = Deep Vein Arterialization (DVA)

Wundtherapie und Druckentlastung

Eine professionelle Wundbehandlung ist essenziell. Dazu gehören:

  • regelmäßige Wundkontrollen
  • spezialisierte Verbandstechniken
  • Druckentlastung im betroffenen Bereich
  • angepasstes Schuhwerk
  • orthopädietechnische Versorgung

Diabetologische Mitbehandlung

Zusätzlich ist eine konsequente Stoffwechseleinstellung zur Optimierung der Blutzuckerwerte notwendig. Dies umfasst eine Ernährungsumstellung und die Schulung im Umgang mit Diabetes. Zur Behandlung neuropathischer Schmerzen können Medikamente eingesetzt werden.

Interdisziplinäre Versorgung – gemeinsam für den Beinerhalt

Unser Ziel ist es, durch moderne Gefäßmedizin, spezialisierte Wundtherapie und interdisziplinäre Betreuung Amputationen zu vermeiden und die Lebensqualität unserer Patient*innen nachhaltig zu erhalten.

Bei schweren Wund- und Durchblutungsstörungen – insbesondere beim diabetischen Fußsyndrom – ist eine Amputation stets das letzte Mittel. Um alle Möglichkeiten zum Erhalt der Extremität auszuschöpfen, bieten wir Betroffenen vor einem solchen Eingriff eine erneute fachärztliche Einschätzung an. Dabei werden sämtliche vorliegenden Befunde sorgfältig bewertet und alternative Therapieoptionen geprüft. So kann bei Patient*innen mit Diabetes und sogenannten „No-Option“-Beinen (auch „Desert Foot“ genannt), bei denen herkömmliche Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind, in vielen Fällen eine tiefe Venenarterialisierung (DVA) durchgeführt werden. Dieses minimalinvasive Verfahren eröffnet neue Möglichkeiten zur Durchblutungsverbesserung und kann dazu beitragen, das betroffene Bein zu erhalten. 

Auch eine gezielte Gefäßrekonstruktion, eine spezialisierte Wundtherapie sowie eine begleitende Ernährungstherapie – beispielsweise mit Proteinen, Vitamin C, Selen und Zink zur Unterstützung der Wundheilung – kann in vielen Fällen das Ausmaß einer notwendigen Amputation reduzieren oder den Eingriff ganz vermeiden. Gerade ältere Patient*innen weisen hier oft einen Mangel auf oder sind fehlernährt. 

Selbst wenn eine Amputation unumgänglich ist, kann durch eine optimale Vorbereitung häufig ein kleineres Amputationsareal erreicht werden, was entscheidend zur Erhaltung von Mobilität und Lebensqualität beiträgt. Sollte eine Amputation notwendig werden, ist eine strukturierte Weiterbehandlung von großer Bedeutung – sowohl körperlich als auch psychisch. 

Neben der medizinischen Nachsorge spielen eine angepasste Ernährung, Physiotherapie und gezielter Muskelaufbau eine zentrale Rolle. Eine erfolgreiche Rehabilitation erfordert daher das enge Zusammenspiel verschiedener Fachbereiche und Maßnahmen, die vor allem durch unsere Sozialdienste koordiniert werden.